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Inhalte sind gut. Botschaften besser

Die SPD hat auf ihrem Sonderparteitag ihr Wahlprogramm verabschiedet. Jetzt muss sie noch lernen, gegenüber den Wählern nur Wichtiges zu präsentieren. Und Unwichtiges wegzulassen.

Kurz, aber heftig – auf die SPD/Schulz-Euphorie im Frühling 2017 folgte der Einbruch, auf aktuell 16 Prozentpunkte hinter der Union. Auf dem Sonderparteitag der SPD am 25. Juni 2017 in Dortmund wollten die Partei und ihr Vorsitzender Martin Schulz den Startschuss geben für die Aufholjagd. Was die Präsentation von Inhalten und Personen angeht, sind gestern vier Dinge deutlich geworden, an denen die SPD noch arbeiten kann:

    1. „Wir können alles!“. Bestimmt haben sich Basis, Arbeitsgruppen und Parteiführung viel Mühe gegeben mit dem Wahlprogramm, das die Partei gestern präsentiert hat. Es umfasst viele Themen und politische Ziele. Aber es gibt keine Schwerpunkte. Keine hervorgehobenen Botschaften. Kein Fokus auf die wichtigsten Punkte. Die SPD verstößt mit dieser Präsentation gegen eine wichtige Regel in der öffentlichen Kommunikation: „Nicht vollständig. Sondern verständlich.“ Nur wer Kunden (Wählern) in wenigen, dafür aber klaren Sätzen die Vorteile und Nutzen des eigenen Produktes deutlich macht, bleibt im Gedächtnis. Wird gekauft oder eben gewählt.
    2. „Wir sind super korrekt!“. Im Interview wird Martin Schulz gefragt, warum die SPD in Dortmund keine Koalitionsaussage gemacht hat. Seine Antwort ist lang. Alles was er sagt, klingt inhaltlich richtig. Und korrekt. Und furchtbar langweilig. Warum nicht selbstbewusst, leidenschaftlich und kämpferisch dem Journalisten (und den Wählern) ein „Das ist Schnickschnack. Wir wollen stärkste Partei werden!“ entgegenhalten? Was sind die Rentenpläne der SPD? Auch hier zählt Schulz brav und akribisch alle Punkte auf; will nichts und niemanden unerwähnt lassen. Und am Ende seiner Antwort kann man als Zuschauer nicht mehr sagen, was die Rentenpläne der SPD sind. In seiner Abschlussrede bedankt sich Hubertus Heil bei allen, die bei und an diesem Parteitag mitgearbeitet haben: Mitglieder, Landesverbände, Stadt Dortmund, Polizei, Sanitäter, Saalordner – und noch, gefühlt, 20 weitere Berufsgruppen. Auch das ist richtig. Vollständig. Eben korrekt. Und total langweilig.

3.„Schaut mal, was die anderen alles falsch machen…!“. Die Aufgabe einer (Chef-)Rede ist es, zu motivieren. Die Stärken des Unternehmens, seiner Produkte und seiner Mitarbeiter herauszuheben. Zu loben. Und damit Leidenschaft und Motivation zu entfachen. Das macht Schulz – auch. Aber er verwendet viel Zeit darauf, akribisch aufzuzählen, was die CDU und Merkel alles falsch machen. So hebt er lang und langatmig hervor, dass Merkel sich weigert, zu aktuellen Themen und Problemen Stellung zu nehmen, alles nur aussitzt. Sogar einen Extra-Titel hat er sich für diese Geschichte ausgedacht (ja, Geschichten zu erzählen ist immer gut.): „Ich erzähle euch jetzt einmal die Geschichte… (kurze Pause) …von der asymmetrischen Demobilisierung“. Wie bitte? Was ist das denn für ein Wort-Ungetüm? Ja, eine Partei muss gerade bei einem Parteitag auch mit dem politischen Gegner abrechnen. Aber diese Auseinandersetzung darf weder zeitlich noch inhaltlich die Präsentation der eigenen Stärken überdecken.

4.„Aber wir sind doch die Arbeiterpartei!“. Ja, auch im Jahr 2017 darf eine Partei kurz auf ihre historischen Erfolge verweisen. Aber die Entscheidungen von heute stark in den Kontext der SPD-Gründerväter und -jahre zu stellen – das ist dann doch sehr klischeehaft, noch dazu in einem Land, das trotz einiger sozialer Ungleichheiten zu einem der wohlhabendsten Länder der Welt zählt. Und vielleicht sollte jemand den Genossinnen und Genossen einmal sagen, dass wir in Deutschland keine Arbeiterfront mehr haben. Und das, was davon noch übrig ist, von den Gewerkschaften vertreten wird. Deswegen sollte die Partei auch ihre traditionelle Parteitags-Schlusszeremonie überdenken: Das gemeinsame Absingen von „Wenn wir schreiten Seit‘ an Seit‘“ klingt heutzutage eher wie ein Abgesang. Das Relikt der alten Tante SPD.

 

Fazit: Schwerpunkte setzen, verkürzt und dafür merkbar kommunizieren, sich nicht vom Gegner dirigieren lassen, (historischen) Ballast abwerfen – der Weg zu einer Markenbildung ist ja hinlänglich bekannt. Die SPD wird sich entscheiden müssen, ob sie hier über ihren eigenen Schatten springen und Wählerstimmen holen will. Oder weiterhin nur alles, alles vollständig, alles korrekt und alles wie immer machen will.

Daimler-Feinstaub fürs Gehirn

Selbstbewusstsein und positive Botschaften sind gute Voraussetzungen für gelungene Interviews. Dass beides allein aber nicht reicht, zeigt das Interview von Daimler-Vorstand Ola Källenius im Wirtschaftsmagazin Capital.

Deutschland, 2018. Zu hohe Abgaswerte bei Dieselautos. Krankmachender Feinstaub in den Städten. Drohende Fahrverbote. Keine kaufbaren Elektro-Modelle. Zu viele Autos machen zu viele Probleme. Für Daimler-Vorstand Ola Källenius alles kein Thema: „Wir verkaufen so viele Dieselautos wie immer. Unsere Dieselmotoren sind emissionsarm. Wir brauchen Verbrenner noch viele Jahre.“

Sätze wie aus dem Daimler-Kundenmagazin. Die Nachfragen der Journalisten, mögliche Lösungen zu konkretisieren bleiben unbeantwortet: „Wandel passiert nicht schlagartig“; „Das Angebot an E-Autos aus Deutschland wird groß und gut sein.“ Klingt nach Sätzen aus einer Automesse-Rede. Aber ändert nichts an zu viel Staub und Abgasen in unseren Städten.
Källenius erweckt damit den Eindruck, dass sich um so profane Dinge doch bitte das Fußvolk kümmern möge – er bleibt lieber bei den großen Worten: „Wir sind einer der Pioniere der E-Technologie“. „Die neue Generation unserer Autos wird Fähigkeiten haben, die Sie vom Smartphone kennen.“ Was, bitteschön, dürfen wir uns denn darunter vorstellen?

Källenius scheint die Funktion eines Interviews nicht zu begreifen. Der Interviewpartner muss Experte sein, Lösungen haben, Zusammenhänge aufzeigten, Einblicke geben in die aktuelle Forschung seines Unternehmens. Konkrete Beispiele also, damit wir, die Leser, erkennen: Okay, wir haben zwar eine Menge Probleme – aber eben auch Experten, die das in den Griff kriegen können. Dann, und auch erst dann, akzeptieren sowohl Leser als auch Journalisten auch mal eine gute, werbende Unternehmensbotschaft. Und dann, und auch erst dann, bietet ein Interview, noch dazu in einem großen Wirtschafts-Magazin, die Gelegenheit, Technikkompetenz zu zeigen und verspieltes Vertrauen zurückgewinnen.

Schließlich fragen die Journalisten nach „den drängendsten Problemen“ bei Daimler. Ola Källenius geht nicht ansatzweise darauf ein, feuert einfach einen weiteren Daimler-PR-Baustein ab: „Technik ist unsere DNA. Schon die Herren Daimler und Benz haben ja das System verändert. Das ist die Mentalität von Daimler. Die technologischen Herausforderungen werden wir lösen.“

Das werde ich morgen mal dem Feinstaub sagen, wenn er mir auf dem Weg zur Arbeit wieder die Lungen rasseln lässt.

Die gute Rede: Nicht mehr. Sondern weniger

Noname-Kari-Experte-schlau-gespiegeltDie gute Rede: Nicht mehr. Sondern weniger.

Kaum jemand baut seine Möbel selbst. Stattdessen verdienen wir mit mehr oder weniger harter Arbeit mehr oder viel Geld und gehen, wenn wir zum Beispiel einen Schrank brauchen, in ein Möbelhaus. Für wenig Geld bekommen wir Durchschnitt; für viel Geld Besonderes. In jedem Fall einen, mehr oder weniger, hölzernen, großen, ansehbaren Behälter. Mit Türen, die sich leicht bewegen und sich schließen lassen, mit gut geleimten Ecken und Kanten. Eine senkrecht stehende Kiste, in die Hosen, Hemden, Blusen, Kleider und Sakkos passen. Mehr oder weniger.

Leider scheint diese Binsenweisheit, dass nicht alle alles können und auch nicht können müssen, nicht für alle Fertigkeiten zu gelten. Nehmen wir nur einmal die Rede. Da reicht es offensichtlich aus, Experte zu sein. Nicht fürs Redenhalten, sondern für irgendwas. Experte zu sein für unseren Körper zum Beispiel. Oder für unseren PC. Oder für den Kampf gegen das Finanzamt. Und so sind Arzt, Informatiker oder Steuerberater gleichermaßen der festen Überzeugung, dass sie befähigt oder gar berechtigt sind, uns ihr Wissen in einer Rede kund zu tun. Dass das ein gravierender Irrtum ist, müssen wir täglich, oft leidvoll, miterleben: Auf Konferenzen, Kongressen, Seminaren. Überall stehen Menschen hinter einem Pult oder auf der Bühne und versuchen sich an einer Fertigkeit, die uns der liebe Gott leider nicht mitgegeben hat: Eine spannende, unterhaltsame Rede zu halten.

Der Mensch ist nicht geschaffen für langes Zuhören oder Reden. Über Jahrtausende haben unsere Vorfahren daran nicht gerüttelt – was zugegebener Maßen ein Leichtes war: Neandertaler, Jäger und Sammler wollten sich in ihren Höhlen und Zelten nach dem täglichen Kampf ums Überleben nicht langer Reden hingeben, sondern der Entspannung; zudem war die die Zahl der Grunz- und Schmatzlaute für einen längeren Monolog einfach nicht ausreichend.

Erst die Intelligenz, Eitelkeit und nicht zuletzt ein satter Bauch eines Platon und Sokrates verhalfen der Rede zu ihrem Aufstieg. Und weil auch die damaligen Zuhörer an der sie schnell überkommenden Müdigkeit merkten, dass gute Gedanken nicht zwangsläufig eine gute Rede mit sich bringen, stieg der Monolog gar zur Kunstform auf. So galt es in den besseren Kreisen von Athen fortan als schick, sich ebenso leidenschaftlich wie lustvoll auf Einleitung, These, Antithese, Conclusio und Schluss vorzubereiten.

Diese Blütezeit des kunstvollen Monologs, die geistige Auseinandersetzung mit sich selbst in und vor Anwesenheit anderer dauerte bis ins 1. Jahrhundert vor Christi – dann beendete die wohl berühmteste Kurzrede der Menschheit die Lust am Monolog: „Ich kam, sah und siegte“ kann sicherlich als erster Erfolg moderner PR-Arbeit angesehen werden, handelt es sich hierbei doch erstens um eine Kernbotschaft, die zweitens auch von jedem noch so PISA-gebeutelten Pennäler als Cäsar-Ausspruch zugeordnet werden kann. Der große Römer sah in langen Reden weniger Kraft als in seinen Legionen, und weil er sich mit dieser Haltung (und seinen Legionen) von Byzanz bis nach Portugal durchsetzen konnte, sanken Wert und Ansehen von Rede und Redner.

Es würde den Rahmen einer jeden Rede und auch eines jeden Textes sprengen, zu ergründen, inwieweit sich der Monolog in den folgenden Jahrtausenden eher als Folterinstrument oder Kunstform etabliert hat und welche Reden einen Glanz- oder eben auch Tiefpunkt in der nach-cäsarischen Zeit darstellen. So springen wir zu dem Zeitpunkt, als die Technik in die Rede eingegriffen hat – und das nicht unbedingt zur Erbauung des Publikums: Die deutsche Nachkriegs-Wirtschaft ließ uns nicht nur schwer arbeiten, sondern auch richtig Urlaub machen. Damit die Erholung auch über die Italien- oder Österreich-Ferien hinaus anhielt, gab man uns den Fotoapparat mit auf den Weg und den Diaprojektor ins Wohnzimmer. Dank dieser Gerätschaften konnten wir plötzlich Reden halten und damit Nachbarn, Verwandtschaft, Freunden erfreuen. Mehr oder weniger.

Dass der Computer massenhaft Diaprojektoren im Keller verstauben und uns in Ruhe vor den Dia-Invasionen unserer Nachbarn ließ und lässt – war leider nur vorübergehend eine Errungenschaft der Digitaltechnik. Denn inzwischen rollt eine viel stärkere Angriffswelle, die dem geistigen Monolog, der kunstvollen oder wenigstens unterhaltsamen Rede endgültig den Garaus zu machen scheint: 2000 Jahre nach Caesar heißt der Angreifer Bill Gates und seine Waffe Powerpoint. Dieses Computerprogramm trägt die Hauptschuld daran, dass inzwischen jeder des Lesens und Sprechens Fähige glaubt, die Vortragssäle besetzen zu dürfen und uns, dank Laptop und Laserpointer, mit einer Rede beglücken zu können. Doch ebenso wie der Zwerg Alberich, der uns mit lächerlichen Tricks seine angebliche Zauberkunst vorgaukelte, kann auch Bill Gates aus einem Langweiler keinen Entertainer machen.

So ertragen wir, zum Schweigen, Zuhören und Leiden verurteilt, den Auftritt der Powerpoint- aber eben nicht Rede-Spezialisten und sinnen angesichts der überladenen, nicht enden wollenden Folien und des starren Leinwandblicks des Referenten auf Gegenwehr: Vielleicht können ja geballte Zuhörer-Rachegedanken die Beamer-Lampe zum Platzen, die Reihenfolge der Folien durcheinander oder am besten gleich den Laptop zum Absturz bringen. Die Folgen dieser kollektiven übersinnlichen Aktion wären, wovon wir gar nicht mehr zu träumen wagten: Nach einer Schrecksekunde würde der Redner sich berappeln und in seinem Kopf die wichtigsten Punkte zusammenfassen. Dann würde er sich uns zuwenden, diese Punkte nennen – und einfach mit uns reden.

Und plötzlich hätten wir, was eine gute Rede auszeichnet: Nicht mehr. Sondern weniger.

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C Stefan Korol 2016

Was ist ein Interview?

Medienwissen

Was ist eigentlich ein Interview?
…. und warum müssen Interviewpartner das wissen?

Interview, Aussage, Statement, O-Ton, Zitat – Journalisten und Medien benutzen eine ganze Menge Begriffe für das, was Interviewpartner sagen. Und oft ist es dem Interviewpartner gar nicht klar, was der Journalist eigentlich will, wenn er ein Interview anfragt. (Dass der Journalist das selber nicht weiß, kommt auch vor – sollte aber die Ausnahme sein….) Hier also ein kleiner Überblick, was sich hinter dem Begriff „Interview“ alles verbirgt.

Recherche-Interviews
… sind erst einmal nur eine Menge Fragen

Journalisten bearbeiten ein Thema. Und sie benötigen dafür Informationen. Die holen sie sich bei Google, im Lexikon, aus dem Archiv, bei Kollegen. Und sie rufen bei Experten an, stellen eine Menge Fragen und hoffen auf schlaue Antworten. Ein solcher Anruf ist aber nicht schon ein Interview im eigentlichen Sinne; er bedeutet nicht, dass der Journalist die Sätze des Experten auch veröffentlichen möchte. Journalisten sollten zu Beginn eines Gespräches sagen, ob es „nur“ ein Recherche-Interview (nicht-öffentlich) ist, oder schon ein Produktions-Interview (zur Veröffentlichung). Wenn sie das nicht tun, dann sollten Sie, der Experte, danach fragen.

Zitate, für Zeitung, Zeitschrift
… sind das Salz in der („journalistischen“) Suppe

Journalisten schreiben Texte. Und beziehen sich zwischendurch immer wieder auf Personen, mit denen sie gesprochen haben. Diese Zitate (oder auch: Statements) werden entweder wortwörtlich übernommen, als direkte Rede (So sagt Medientrainer Stefan Korol: „Ein Interview zu geben, das ist Schwerstarbeit“). Oder die Zitate werden als indirekte Rede in den Text eingebaut („so meint Medientrainer Stefan Korol, dass Zitate Schwerstarbeit sind“). Wichtig und gut zu wissen: Zitate (und zwar nur die, nicht der gesamte Artikel) müssen vor dem Druck vom Zitatgeber autorisiert werden. Interviewpartner können also vor der Veröffentlichung lesen, mit welchen Worten sie später zitiert werden.

O-Töne, für Radio und Fernsehen
… müssen sendefertig gesprochen werden

Zitate und Wortlaut-Interviews gibt es auch bei Radio und Fernsehen, nur heißt „Zitat“ hier „O-Ton“ (Original-Ton). Auch beim Radio und Fernsehen werden die meisten Interviews geführt, um einen O-Ton zu haben, den der Journalist in seinen Beitrag einbauen kann. Der Unterschied zum Print: Ein Zitat für die Zeitung kann der Journalist „glätten“: umstellen, kürzen, verständlicher schreiben. Das ist bei einem O-Ton nicht möglich. Beim Radio kann der Journalist vielleicht noch einige „hhmm“ und „ähh“ heraus- und einen zu langen Satz in der Mitte einfach abschneiden. Ein Satz abschneiden, das geht auch beim Fernsehen, aber Stotterer herausschneiden, nicht. Ein Interview für Radio und Fernsehen muss deswegen sprachlich viel besser sein, als für die Zeitung.

 Wortlaut-Interviews
… sind die „echten“ Interviews

Bei wichtigen Menschen und wichtigen Themen wollen Journalisten auch ein Wortlaut-Interview haben. Das besteht nur aus Zitaten und den entsprechenden Fragen des Journalisten, ist also ein echtes Frage-Antwort-Frage-Antwort-Interview. Wortlaut-Interviews sind, im Vergleich zu Zitaten, eher selten. Auch hier gilt: Wenn das Interview für ein Printmedium ist, muss es dem Interviewten vor der Veröffentlichung noch einmal vorgelegt werden; es können dann zum Beispiel auch noch Antworten verändert werden. Diese Nachbearbeitung sollte aber nur in Maßen erfolgen: Wenn alle interessanten und vielleicht auch angreifbaren Aussagen gestrichen werden, dann wird der Journalist das Interview nicht mehr veröffentlichen wollen.

Wortlaut-Interviews in Radio und Fernsehen (Aufzeichnung)
Das Wortlaut-Interview ist auch beim Radio und Fernsehen die Ausnahme. Um es aufzunehmen kommen die Journalisten entweder mit Mikrofon und Kamera(s) zu Ihnen, oder Sie gehen für die Aufzeichnung ins Studio. Bei aktuellen Themen wird das Interview per Telefon geführt. Diese aufgezeichneten Interviews werden noch geschnitten. Aber auch hier gilt: Änderungen sind nur eingeschränkt möglich – aus einem stotternden Stammeln, aus langen Schlangensätzen, womöglich noch gespickt mit Fachbegriffen, kann auch der beste Journalist keine verständliche, überzeugende und sympathisch klingende Antwort schneiden.

Telefon-Interviews
Wenn die Zeit zu knapp oder der Weg ins Studio zu weit ist, dann wollen Journalisten das Interview per Telefon führen. Inhaltlich macht das keinen Unterschied, aber formal gibt es einige Hürden: Es ist nicht einfach, mit (s)einem Telefon/Handy so interessant und motivierend zu sprechen, wie in einem persönlichen Gespräch. Der Interviewgeber sieht nicht die Reaktionen des Journalisten, hat damit also kein Steuerungsinstrument. Botschaften müssen im Zweifel noch klarer, reduzierter und überzeugender rübergebracht werden als von Angesicht zu Angesicht.

Zudem können bei Handys durch eine schlechte Übertragung Nebengeräusche entstehen, die lenken sowohl den Sprechenden als auch den Zuhörenden ab. Zwei Vorteile des Telefon-Interviews können aber sein: Der Interviewpartner kann sich vorher einige „Spickzettel“ mit den wichtigsten Infos und Argumenten schreiben und hat dann eine Art Rettungsring. Und beim Telefoninterview kann sich der Interviewpartner seine Lieblingsposition einnehmen: Eher superbequem sitzen, mit den Füßen auf dem Schreibtisch. Oder stehen, für viel Präsenz und Spannung in der Stimme.

Und wie geht man mit Überraschungs-Anrufen um, z.B. wenn die Sekretärin krank ist? Die gute Nachricht: Sie MÜSSEN gar nichts. Aber eine Interview-Anfrage ist natürlich eine Chance auf Kommunikation. Wenn es gelingt, dem Journalisten zu signalisieren: „grundsätzlich gern, aber erst in ca. einer Stunde“, haben Sie sich Luft verschafft und gehen in das Gespräch ohne künstlichen Zeitdruck.

Live-Interviews… sind die Königsdisziplin
Alles was Sie sagen und tun wird gesendet – und damit gehört und gesehen. Womöglich von Millionen. Das sollte wissen, wer sich auf ein Live-Interview einlässt. Es gibt keinen Notausschalter, keine Wiederholung, keinen zweiten Versuch. Das Live-Interview findet entweder im Sende-Studio statt, oder der Interviewpartner wird zugeschaltet. Beim Radio entweder telefonisch oder über ein externes Studio, beim Fernsehen in der Regel immer über ein externes Studio (die so genannte „Schalte“). Fernseh-Studio bedeutet: Hektik, Hitze, grelles Licht, Menschen wuseln um Sie herum, Ansagen, die Sie nicht verstehen. Und plötzlich ist Ruhe – und Sie sind auf Sendung. Da ist es nicht einfach, einen klaren Kopf zu behalten, souverän und überzeugend zu reden. Schon gar nicht, wenn Moderator (Nachrichtensendung) oder andere Gesprächspartner (Talkshow) Ihnen vielleicht ins Wort fallen…

 

Interviews autorisieren
Wenn das Interview gelaufen ist, was dürfen die Journalisten dann damit machen? Im Prinzip – alles. Und kann der Interviewpartner nichts dagegen tun? Doch – ein bisschen…      Fangen wir dem Gesetz an, genauer: mit dem Urheberrecht. Ein Interview hat immer zwei Urheber: Den Journalisten und den Interviewpartner. Beide sind dadurch berechtigt, über den Text, der veröffentlicht werden soll, zu entscheiden. Dieses Recht auch auszuüben wäre aber ziemlich unpraktisch, es würde wahrscheinlich ziemlich lange dauern, bis Journalist und Interviewpartner sind da einig werden. Außerdem greift ein solches Vorgehen aus Sicht des Journalisten möglicherweise in seine Pressefreiheit ein. Deswegen ist die gängige Praxis: Der Journalist wählt die Antworten aus, die er veröffentlichen will und legt diese Textstellen, und zwar nur diese, dem Interviewpartner vor. Der kann noch minimale Änderungen vornehmen und gibt dann diese Textstellen frei (per Telefonat oder per Mail). Sind die Änderungen grundsätzlicher Art, wird das dem Journalisten nicht gefallen und er wird möglicherweise auf eine Veröffentlichung komplett verzichten. Es gibt aber auch Redaktionen, die scheren sich nicht um das Urheberrecht und veröffentlichen Statements und Interviews ohne Autorisierung.

Der beste Tipp in diesem Mix aus Recht und Praxis: Vorher mit dem Journalisten sprechen und vereinbaren, ob und wie das Interview autorisiert werden kann und soll. Für Radio und Fernsehen gilt: O-Töne und Interviews gelten (so sie denn nicht live geführt wurden) als autorisiert, wenn Reporter und Interviewgeber sich verabschiedet haben bzw. das Kamera-Team eingepackt hat und alle „vom Hof“ sind. Wer da noch korrigierend eingreifen will, muss schon ein größeres Rad über Anwälte und eine „einstweilige Verfügung“ drehen.

 

Interview-Anlässe
Die Themen für ein Interview sind unendlich. Aber hinsichtlich der Funktion von Interviewpartnern gibt es vier Gruppen:
– Der Experte wird interviewt, wenn es um ein Thema geht, das erklärt werden soll: Infos, Einschätzungen, Hintergründe, Ausblick. Der Experte hilft Lesern, Hörern und Zuschauern ein Ereignis, ein Thema zu verstehen, es einzuordnen.
– Die Person wird interviewt, wenn es um Erlebnisse, Erfahrungen, eigene Erkenntnisse geht: Der Alleinsegler, die Extrembergsteigerin, die Managerin im Sabbatjahr, der Erfolgsautor.
– Der Verantwortliche wird interviewt, wenn es in seiner Abteilung, in seiner Zuständigkeit einen tatsächlichen oder auch nur vermutlichen Fehler gegeben hat.
-Der Täter wird interviewt, wenn es zu einer Krise oder Katastrophe gekommen ist: Pleite, tödlicher Unfall, Umweltkatastrophe, Gammelfleisch, Bestechung oder andere Straftaten.

Und entsprechend dieser Kategorien gibt es Interview-Anlässe:
-Sachinterview mit dem Experten
– Interview zur Person
– Konfrontatives Interview mit dem Verantwortlichen
– Krisen-Interview mit dem Täter  

Sachinterview mit dem Experten
Viele Menschen, viele Experten, viele Unternehmen denken bei einem Interview vor allem an das konfrontative Interview, an die Krise. An aggressive Journalisten, die fiese Fragen stellen und die nur ihre Story haben wollen. Aber diese Situationen und solche Interviews sind die Ausnahme; die meisten Interviews sind Sachinterviews: Experten, nämlich Interviewpartner, erklären, geben eine Einschätzung, wagen einen Ausblick. Hört sich einfach an – ist es aber nicht. Denn Experten müssen kompliziert denken, weil sie nur dann zu neuen Erkenntnissen kommen. Im Gegensatz dazu sind Leser, Hörer und Zuschauer, was das Experten-Thema angeht, Laien. Das Ergebnis: Der Experte redet an der Zielgruppe vorbei. Und beide Parteien fühlen sich im Recht: Der Experte kann nicht begreifen, dass es Menschen gibt, die ihn nicht verstehen. Und die Zielgruppe kann nicht begreifen, wie jemand so kompliziert und unverständlich reden kann.

Interview zur Person
Menschen interessieren sich für – Menschen. Wir wollen lesen, hören und sehen, was andere Menschen Besonderes erlebt und gefühlt haben. Und genau das muss im Interview zur Person kommen. Während der Experte erklärt, soll der Person-Interviewpartner Erlebnisse schildern und erzählen, wie es ihm dabei erging. Aber Vorsicht, auch hier gilt: Hört sich einfach an, ist es aber nicht. Was soll der Alleinsegler antworten auf die klassische Frage beim Interview zur Person „Was war denn der gefährlichste Moment ihrer Reise“? Denn natürlich fallen ihm jetzt Dutzende gefährlicher Momente ein, welchen soll er wählen? Dramatisch und authentisch soll es sein – aber bitte nicht länger als 30 Sekunden. Bunt und mitreissend soll es sein – aber bitte nicht ausschweifen, nur das Wichtigste! Sich an diese Regeln zu halten ist schon im normalen Leben und bei normalen Menschen schwierig; wer Besonderes erlebt hat, der wird diese Interview-Regeln spontan in keinem Fall und selbst mit Vorbereitung nur mit viel Disziplin einhalten können.

Konfrontatives Interview
Es besteht der Verdacht, dass Sie…… Oder: Sie haben viel gearbeitet und dabei leider einen Fehler gemacht…. Das sind Situationen, in denen Sie ein konfrontatives Interview geben müssen. Es ist nichts wirklich Schlimmes passiert, niemand ist verletzt oder ernsthaft zu Schaden gekommen. Aber die Journalisten treten schon recht fordernd auf und wollen Einzelheiten wissen. Jetzt geht es nicht um Ihr Wissen als Experte, sondern um Ihre mögliche Verantwortung für ein Fehlverhalten; egal, ob fahrlässig oder vorsätzlich. Wenn alles nur Gerüchte sind, dann ist es jetzt Ihre Aufgabe, diese Vorwürfe überzeugend zu entkräften. Sie sollten Fakten nennen und belegen können, ohne aber die Journalisten anzugreifen. Und wenn die Vorwürfe stimmen: Raus damit – denn wer lügt, verliert.

Krisen-Interview
Ob Betriebsunfall, Produktfehler, Umsatzrückgang, Kündigungen – kein Unternehmen kann sich davor schützen, in die Kritik und damit in die Schlagzeilen der Medien zu kommen. Schützen können Sie sich aber davor, dass Sie im Falle eines Falles planlos und aufgeregt drauf los reden. Stattdessen ziehen Sie aus der Schublade Ihren gut vorbereiteten und strukturierten Krisenplan und setzen ihn um. Denn auch der Umgang mit einer Krise ist planbar; nur so können Sie sicher sein, dass die Krisen-Situation nicht zur Kommunikations-Krise wird. Eines aber muss klar sein: Die Zeiten, in denen Krisenkommunikation darin bestand abzuwiegeln, zu vertuschen oder zu verharmlosen sind vorbei. Der falsche Weg war das schon immer, inzwischen aber ist er gar nicht mehr möglich, weil durch Internet, facebook und Twitter ohnehin nichts mehr zu vertuschen ist. Gut so. Denn nun haben Sie die Chance, durch aktive, offene und strukturierte Interviews einen guten, einen professionellen Eindruck zu machen.

 

Fazit: Das gute Interview
Ein gutes Interview ist ein Gespräch, von dem Leser, Hörer und Zuschauer profitieren. Weil in diesem Gespräch Informationen gegeben werden. Oder eine fundierte Meinung, eine Einschätzung. Oder weil es tolle Geschichten zu hören gibt. Oder Tipps, wie das Leben leichter, schöner und einfacher werden kann.

Fachwissen verständlich präsentiert
Ein gutes Interview ist ein Gespräch, bei dem Leser, Hörer und Zuschauer verstehen, was der Interviewpartner sagt. Weil er strukturiert und einfach spricht. Weil er nur das sagt, was wirklich wichtig ist. Und weil er all das womöglich auch noch so sagt, dass Leser, Hörer und Zuschauer sich für dieses Thema interessieren.

Verständlichkeit bringt Sympathie
Ein gutes Interview ist ein Gespräch, bei dem der Interviewpartner (seine Arbeit, sein Unternehmen, seine Produkte) gut „rüberkommt. Aber nicht weil er platte Werbung macht und sagt, wie toll er ist. Sondern weil er weiß, was Leser, Hörer und Zuschauer wollen. Und das auch umsetzen kann.

Spontane Interviews – sind vergeudete Zeit
Ein gutes Interviews zu geben ist Schwerstarbeit. Bei Zeitung und Zeitschrift helfen die Journalisten (zumindest beim Experten-Interview oder beim Interview zur Person), indem sie nach dem Interview die Antworten „formatieren“: kürzen, strukturieren, eine bildhafte Sprache schreiben. Im Radio und im Fernsehen sind Interviewpartner auf sich allein gestellt – und deswegen sind gute Interviews in diesen beiden Medien eine Seltenheit. Stattdessen: Langweilige Antworten ohne erkennbares Ziel; lange, unstrukturierte Sätze; stammelndes Fachchinesisch; eine Aneinanderreihung von Binsenweisheiten. Oder es sind die glatten, schön klingenden, aber leider auch diffusen Nebelsätze; weiche Watte, die uns einlullt und bei denen wir erst nach dem Aufwachen merken, dass alles wieder einmal nur heiße Luft war. Wer erst bei der Frage über seine Antwort nachdenkt hat schon verloren, deswegen sind spontane Interviews in der Regel vergeudete Zeit. Für Leser, Hörer, Zuschauer – und Interviewpartner. Auch in den Medien, auch in Interviews gilt: Wer „gut rüberkommen“ will, der muss schon was dafür tun. Vorher. Rechtzeitig.

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Vom Umgang mit Interviewpartnern

Vom Umgang mit Interviewpartnern
Eine leicht überspitzte Kategorisierung

Wer vom Fernsehen um einen O-Ton gebeten wird, ist schon ein besonderer Mensch: Er ist Experte, Betroffener oder Prominenter. In jedem Fall verfügt er über exklusives Wissen, über das er sprechen soll. Und in den meisten Fällen ist er Fernseh-Laie. Aufgabe des Journalisten ist es, die Aussagen dieses Interview-Partners so zu formatieren, dass sie der Fernseh-Norm entsprechen und vom Zuschauer aufgenommen, verarbeitet und genutzt werden können. Der Aufwand und der Schwierigkeitsgrad für den Journalisten bei dieser Aufgabe variieren. Gemeinsam ist allen Interview-Partnern, dass sie souverän und kompetent antworten und auftreten möchten. Darüber hinaus allerdings beginnen die individuellen Unterschiede, deren Extreme ich nachstehend skizziere. Die überspitzten Formulierungen seien mir aufgrund der reichlich gemachten Erfahrungen mit allen hier beschriebenen Interview-Partnern verziehen….

Der brave Interview-Partner
hat sich überhaupt keine Gedanken zu Thema und Form gemacht. Nach dem Motto: „Der Journalist wird schon wissen, wie so ein Interview funktioniert“, sitzt er vor der Kamera und wartet ab, was passiert. Seine Antworten sind entweder keine Aussagen, sondern unsortierte Gedanken, die ihm zu den jeweiligen Fragen einfallen; lang und langweilig. Oder: Er ist nicht nur brav, sondern auch faul und antwortet deswegen am liebsten mit „Ja“, „Nein“ oder „Vielleicht“. Aber auch das erst nach einer langen Denkpause.

Der fleißige Interview-Partner
hat sich die ganze Nacht auf seinen Auftritt vorbereitet; zunächst sein gesamtes Fachwissen zusammengetragen, großartig formuliert und dann auswendig gelernt. Er hofft, dass der bevorstehende Fernseh-Auftritt ihn endlich berühmt macht; die Fachwelt wird staunen über das, was er zu sagen hat. Leider ist die erste Frage ein bisschen anders als abgesprochen, so dass die sorgsam formulierte Antwort gar nicht passt und er vor Schreck gar nichts sagt. Nach der 23. Wiederholung der ersten Frage bedankt sich der Journalist – und textet später die angefragten Informationen selber.

Der verständnisvolle Interview-Partner
lässt den Journalisten gar nicht erst lange erklären, worum es in dem Interview gehen soll – er hat doch schon Dutzende von Interviews gegeben, kennt das Geschäft, der Journalist soll ihn nur machen lassen. Seine Antworten beginnen meistens mit den Worten: „Wissen, Sie das ist doch alles ganz einfach, ich/wir machen das immer so und so…“ Nach einer halben Stunde ist er verärgert, weilder Journalist seine genialen Antworten immer unterbricht und alles in drei kurzen Sätzen haben will. ‚Aber da sieht man’s mal wieder: Die haben ja keine Ahnung, diese arroganten, unhöflichen Fernsehtypen…‘

Der freche Interview-Partner
ist in den letzten Jahren selten geworden; dennoch erwischt man hier und da noch einige dieser Artgenossen. Beispiel: Werkstor Chemie-Unternehmen. Der Pressesprecher ist umringt von Kameras, Fotografen, Reportern. Im Hintergrund das Werksgelände, Rauch steigt auf. O-Ton Pressesprecher:  „Ich weiß gar nicht, was Sie meinen. Betriebsunfall? Bei uns?“ Hintergrund: Feuerwehr-Sirenen. „Ach das, na ja, da gibt’s ein kleines Problem. Aber wir haben alles unter Kontrolle….“

Der dumme Interview-Partner
hält sich erstens für ziemlich schlau und zweitens für einen verkappten Werbesprecher. Deswegen guckt er bei seiner ersten Antwort direkt in die Kamera und schießt seine Botschaft ab: „Zunächst einmal muss ich sagen, dass unser Unternehmen auf diesem Gebiet führend ist. Wenn ich vielleicht auf unser neuestes Produkt eingehen darf…“ Das darf er natürlich nicht. Und das, was er darf, kann er leider nicht.

Der ideale InterviewPartner
ist Profi, partnerorientiert und weiß, dass er für den Erfolg seines Interviews selbst verantwortlich ist. Er bespricht vorher mit dem Journalisten das Thema, bereitet sich auf das Interview vor und entwirft Antworten: einfach, strukturiert, interessant, bildhaft. Im Interview ist er so normal wie möglich, macht deutlich, dass er gern dieses Interview gibt. Und kann sich nach seinem ersten Interview vor weiteren Anfragen kaum retten….

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10 Tipps für eine gute Mediensprache

Journalisten anlocken
10 Tipps für eine gute Mediensprache

„Früher haben wir den Rauch einfach rausgeblasen. Aber seit 20 Jahren haben wir da natürlich einen Filter. Drei Stufen. Stufe 1 holt die groben Bestandteile raus, Stufe 2 die feinen. Und in Stufe 3 wird der Rauch nass gewaschen. Danach haben wir nur noch 99 Prozent reinen Wasserdampf. Das schafft kein heutiges Auto.“

Das ist eine schöne Antwort der Beispiel AG für ein Interview, ein schöner Baustein für die so genannten Q&A (Questions & Answers): verständlich, bildhaft, konkret. Das Problem: Solche spontan gesprochenen Sätze bekommen Leser selten zu lesen, Hörer und Zuschauer selten zu hören. Denn das wäre ja viel zu simpel. Das könnte ja jeder…. Also geht dieser genial einfache und damit verständliche Text von der Fachabteilung in die Kommunikationsabteilung. Und da bekommt ein Mitarbeiter die Aufgabe, diese doch viel zu lapidar und profan klingende Antwort zu bearbeiten. Ein bisschen mehr Eloquenz. Mal ein Fremdwort. Und vor allem nicht so einfach erklärt. Und da der PR-Texter seine Aufgabe ernst nimmt, ist nach acht Stunden Arbeit von dem ursprünglichen Satz nichts mehr übrig. Dafür präsentiert der Texter seinem Chef stolz diese, seine Antwort:

„Die Beispiel Stahl AG International steht zu ihrer Rolle als umweltgerecht arbeitendes Unternehmen. Wir unternehmen alles, um unsere Produkte so wenig klimabelastend wie möglich herzustellen. Dabei scheuen wir weder Mühe noch Kosten und haben dadurch inzwischen eine Rauchgasreinigungs-Technologie entwickelt, die ihresgleichen sucht. Damit beweisen wir wieder einmal, dass die Beispiel Stahl AG International sowohl mit ihren Produkten als auch mit ihren Produktionsmethoden zu den innovativsten und fortschrittlichsten Unternehmen gehört.“

Jetzt, mit diesem textlichen Anlauf in diesem Artikel, ist uns allen klar, dass das natürlich keine Antwort ist und schon gar keine für die Journalisten. Aber durchforsten Sie einmal Ihre Journalisten-Texte, Pressemeldungen, Webseiten, Q&As – stehen da nicht auch Sätze dieser Art drin? Gut, nicht, ganz so überspitzt formuliert, wie ich das hier gemacht habe. Aber in die Richtung geht es hier und da schon…

 

Drei Gründe, warum aus einfachen Sätzen gedrechselte Phrasen werden:

– Unternehmen scheuen konkrete Aussagen. Weil sie der Meinung sind, dass so genau keiner wissen will. Oder sie wollen dem Wettbewerb nichts verraten. Und sie befürchten, dass ein so konkretes Beispiel den Eindruck erwecken könnte, Umweltschutz würde im Unternehmen nur an dieser Stelle praktiziert.
– Wir alle sind durch Schule, Ausbildung, Studium und Beruf auf eine komplizierte Sprache programmiert. Denn wir haben gelernt, dass Menschen, die lange, verschachtelte und mit Fremdworten gespickte Sätze sprechen, als intelligent gelten. Und weiterkommen im Leben. Und das wollen wir natürlich auch.
– Unternehmen sind Menschen. Spezialisten. Und die Kommunikations-Experten wollen natürlich nicht zulassen, dass die Produktions-Experten auch kommunizieren. (Schließlich dürfen sich die PR-ler ja auch nicht an den Hochofen stellen).

 

Also – hier die zehn wichtigsten Tipps für Medien-Texte:

– Lesen Sie Lokal-/Tageszeitung, hören Sie Radio, gucken Sie fern. Wenn Sie nicht wissen, wie in den Medien gesprochen wird, können Sie nicht für sie sprechen.

– Die Antworten müssen genau zum Unternehmen passen. Zitieren Sie keine Weisheiten aus dem Marketing-Handbuch oder aus der Manager-Bibel. Sie sollen im Interview auch keine gesamtgesellschaftlich relevanten Philosophien und Weisheiten zum Besten geben. Sondern über das sprechen, wovon Sie Ahnung haben: Ihre Arbeit, Ihre Produkte Ihr Unternehmen.

– Verständlichkeit vor Vollständigkeit; die Leser sollen ja nicht selber Experte werden. Sondern erkennen, dass in Ihrem Unternehmen spannende Dinge passieren. Wer unbedingt ganz genau wissen will, wie die Rauchgasreinigungsanlage funktioniert, kann das ja später googeln.

– Wenn Sie über die Abteilung und deren Prozesse/Produkte schreiben wollen – gehen Sie in die Abteilung. Lassen Sie sich von den Kollegen dort erklären, wie alles funktioniert, warum es genau so sein muss und ob es Schwächen oder Mängel in diesem System gibt. Halten Sie sich an eine der Grundregel des Journalismus: Schreiben Sie nur über das, was Sie selber gesehen, erlebt und auch verstanden haben.

– Texten Sie möglichst konkret. Im Kopf des Lesers (Hörers, Zuschauers) müssen Bilder entstehen. Das ist erstens interessant und zweitens merken wir uns Bilder ziemlich lange; graue Infos hingegen sich schnell wieder vergessen.

– Verzichten Sie auf wertende Adjektive, also kein: neueste, beste, einmalige, effektivste, ökologischste (das kann übrigens auch kein Mensch ruckel- und zischfrei sprechen….) etc. Wertende Adjektive klingen immer nach Werbung – und allein deswegen schaffen sie es ohnehin nichts ins publizierte Interview.

– Nicht zu verwechseln mit dem eben genannten Punkt („keine wertenden Adjektive“): Bieten Sie nicht nur Infos, sondern bieten Sie Einschätzungen und Einordnung an: Was bedeutet ihr neues Produkt für den Produktionsprozess, für den Markt, für die Kunden, für das Klima?

– Seien Sie mutig: Sagen Sie auch, was noch nicht so gut funktioniert, woran Sie noch arbeiten. Niemand erwartet perfekte Menschen, perfekte Unternehmen. Aber ehrliche Menschen und ehrliche Unternehmen. Sie sollen ja keine Beichte ablegen. Aber wenn Sie einen Stahl entwickelt haben, der nach einem Schlag immer wieder in die alte Form zurückspringt, dann ist das doch klasse. Aber Sie dürfen und sollten dann auch noch sagen, dass Sie es jetzt nur noch hinkriegen müssen, auch diesen Stahl bei 1500 Grad zu formen – und nicht bei 5000 Grad.

– Glaubwürdigkeit steigt mit konkreter Sprache und mit Ehrlichkeit; Hochglanz-Texte kommen nur an bei Kunden, die sich für ein Produkt schon so gut wie entschieden haben.

 

Ja – das ist viel Arbeit. Aber Stahl herzustellen, zu formen und anschließend Autos daraus zu bauen ist ja auch nicht gerade ein Nebenjob. Halten Sie sich deswegen auch bei der Kommunikation mit den Journalisten an den Spruch aller Journalisten-Ausbilder und Chefredakteure „Wir alle müssen hart arbeiten – damit Leser, Hörer und Zuschauer es einfach haben.“

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Gut gemacht Herr Steinberg

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Foto: ARD-Screenshot

So einfach kann ein gutes Fernsehinterview sein: Guido Steinberg, Islamwissenschaftler, in den Tagesthemen am 4. Januar zur den Hinrichtungen in Saudi-Arabien.

Wenn Fernseh-Redaktionen einen Interviewgast eingeladen haben, dann steigt, vor allem vor der Live-Sendung, der Adrenalinspiegel: „Wie wird er rüberkommen, spricht er so, dass die Zuschauer ihn verstehen, kann er kurz antworten, bleibt er womöglich hängen…?“

Bei Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik, am Montag in den Tagesthemen zum Thema Konflikt Saudi-Arabien – Iran, konnten sich Redakteure und Moderator entspannen: Steinberg zeigte souverän, worauf es beim guten Interview ankommt: „Sage was Neues, sage es verständlich und sage es möglichst in 30 Sekunden.“ (Okay, ein paar mehr waren es schon.) Natürlich, der Auftritt muss auch im Detail stimmen. Aber wenn diese drei Voraussetzungen erfüllt sind, dann fallen auch kleine Schwächen in der Umsetzung nicht ins Gewicht – der gute Eindruck überwiegt.

Frage: „Warum diese Eskalation, warum geschieht sie jetzt?“
Steinberg eröffnet mit einer klaren Einschätzung und Aussage: „Saudi-Arabiens König setzt auf Eskalation.“ Er stellt dann klar, worum es nicht geht: „Es ist nicht das Verhältnis zu Iran“ und nennt dann einen Grund für die Eskalation: „Der König will den konservativen Kräften im Land deutlich machen: Wenn ihr euch an Al Kaida, am IS orientiert, müsst ihr mit der Todesstrafe rechnen.“ Und dann noch einen zweiten: „Saudi-Arabien erhebt einen Führungsanspruch in der sunnitischen Welt.“
48 Sekunden – in denen ich viel gelernt und verstanden habe über die Situation in Saudi-Arabien.

Frage: „Saudi-Arabien und Iran sitzen mit bei den Friedensverhandlungen für Syrien. Was bedeutet diese Eskalation für diesen Friedensprozess?“
Steinberg erweitert das Thema mit dem Hinweis darauf, dass ja beide Länder in Jemen und auch in Syrien Stellvertreterkriege führen. Er kehrt dann zu der Frage zurück, befürchtet, dass sich die jetzigen Ereignisse negativ auf die Friedensgespräche auswirken werden.
Klar, wenn ich lange drüber nachgedacht und viel gegoogelt hätte, wäre mir der Zusammenhang dieser beiden Kriege womöglich auch aufgefallen. Aber so ging es in 40 Sekunden.

Auch die Frage nach dem möglichen Einfluss, den der Westen, den Deutschland auf Saudi-Arabien nehmen kann, beantwortet Steinberg souverän und konkret: Da gibt es so gut wie keine Möglichkeiten. Und die Idee, Saudi-Arabien keine deutschen Waffen mehr zu liefern (wie von den Grünen gefordert) verwirft er überzeugend: „Dieses Druckmittel gibt es nicht, denn die wirklich wichtigen Rüstungsgüter in Saudi-Arabien kommen gar nicht mehr aus Deutschland, sondern aus anderen Ländern.“

Informationen, nach denen der Moderator  nicht gefragt hat, die aber für das Thema und für die Einordnung wichtig sind. Antworten mit einer „Überschrift“, mit Argumenten und am Ende ein zusammenfassender Schluss. Eine einfache Sprache, halbwegs kurze Sätze, klare Struktur. Und immer der Eindruck, dass der Experte schon am Anfang seiner Antwort weiß, wo er hin will und wo er am Ende sein wird.

Da kann man sich als Zuschauer dem letzten Satz des Moderators nur anschließen: „Vielen Dank, Herr Steinberg, für diese Informationen.“

Schönes Produkt – schlecht verpackt

DFB-Vizepräsident Rainer Koch im ARD-Brennpunkt zum Rücktritt von Wolfgang

Foto: Screenshot ARD

Foto: Screenshot ARD

Niersbach (9. November 2015)

Gekauft, weil es einfach gut aussah – und dann doch ein bisschen Enttäuschung, weil der Inhalt mit dem Glanz und Glitter der tollen Verpackung nicht mithalten kann: Solche Käufe, solche Situationen kennen wir. Bei Rainer Kochs Interview gestern im ARD-Brennpunkt war es anders herum: In der Sache war sein Auftritt in Ordnung. Leider aber war die Verpackung so schlecht, dass der gute Inhalt am Zuschauer vorbei ging.

Schon das erste Bild liefert keinen guten Eindruck. Rainer Koch ist ein ganz normal aussehender Mensch und hat von daher gute Voraussetzungen, auch im Fernseh-Interview „gut rüberzukommen“.

Aber leider werden in seinem Interview die Eigenschaften und damit Tücken des Mediums Fernsehen deutlich: Zwei verklebte Haarsträhnen liegen quer über der Stirn, auf seinen nicht entspiegelten Brillengläsern tanzen oben links zwei Scheinwerfer-Reflexe, der nur dünne Oberlippenbart wirkt durch die mobile und dadurch natürlich nicht exakte Ausleuchtung wie einfach nur schlecht rasiert – der Mann sieht aus wie durchgesumpft. Dazu flackern gelegentlich Lichter durch den Hintergrund und über das dort montierte DFB-Logo.

Und auch der Ton wirkt nicht Vertrauen erweckend. Koch spricht schnell, zu schnell. Viel zu schnell. Lange Schlangensätze, offenbar spontan eingefallen und geäußert. Die Stimme durchgängig oben. Keine Pausen. Er hetzt durch seine Antworten. Und wirkt gehetzt. Offenbar von denen, die Koch immer wieder mit einem kurzen, schnellen Blick nach rechts oder links zu fragen scheint: „Ist das so okay, habe ich das richtig gemacht?“ Sehr mysteriös – dieser DFB.

Wo sind seine Botschaften? Hat er keine? Doch. Aber die verstecken sich hinter und ganz tief in dieser schlechten Verpackung. „Es gibt keine Anhaltspunkte dafür, dass Wolfgang Niersbach als Person involviert war in Vorgänge, die wir aktuell dabei sind aufzuklären.“ Gute Antwort. (Dass dieser Satz in sich unlogisch ist – geschenkt.) „Ich möchte um Verständnis bitten, dass wir momentan noch keine genauen Details dazu geben können.“ Ist zwar eine Standard-Antwort in solchen Fällen, aber immerhin. Und es gibt andere Sätze und Antworten, mit denen Koch den DFB gut präsentieren könnte.
Aber auch die kommen nicht an gegen die schlechte Verpackung und schaffen es nicht in Kopf und Bauch des Zuschauers.

Erst ganz am Ende des Interviews beendet Koch das Rennen gegen sich selbst.
Frage: „Sie sind jetzt Präsident – stehen Sie denn für rückhaltlose Aufklärung?“ Und schon bei der Frage lächelt Koch und er setzt dieses Lächeln fort bei seiner Antwort: „Ich bin nicht Präsident und ich werde nicht Präsident.“ Und dann beschreibt er mit entspanntem Gesicht die Einzelheiten zu der weiteren Arbeit des DFB-Präsidiums.

Was für ein sympathischer Mann. Auch wenn er aussieht wie durchgesumpft.

Der Unterschied zwischen Markus Lanz und dem ADAC

Warum Markus Lanz und der ADAC unterschiedliche Auswege suchen müssen

Markus Lanz und ADAC – zwei Ereignisse und Diskussionen, die seit Tagen für Schlagzeilen sorgen. Dass beides in der Öffentlichkeit in einen Topf geworfen wird, mag für die Schlagzeilen und den Unterhaltungswert unerheblich sein – für die Strategie in der jeweiligen Situation ist es das nicht: Lanz ist in einer Kritik-Situation – der ADC ist in einer Krisen-Situation. Der wesentliche Unterschied bei der Problemlösung: In der Kritik-Situation kann und muss man reden.

In der Krisen-Situation muss man erst handeln und darf dann erst reden. Eine Krise entsteht durch Vertrauensverlust: Menschen haben einem Menschen oder einer Organisation vertraut. Der Mensch oder die Organisation hat betrogen und dadurch Freunde, Kunden oder Fans nicht nur enttäuscht, sondern auch verunsichert. Die Krise ist also eine Situation, in der es um Gefühle und um Wahrnehmung geht.

Bei Lanz geht es aber nicht um einen Vertrauensverlust. Die, die jetzt die Petition gegen ihn unterschreiben, haben ja nicht durch die Wagenknecht-Talkshow urplötzlich ihr Vertrauen in Lanz verloren. Sondern sie waren schon immer oder schon länger gegen ihn und haben jetzt mit der Petition nur einen Weg gefunden, ihrem Ärger Luft zu machen. Diese Zusammenhänge hätte Lanz in der Wetten-Dass-Sendung wissen und nutzen sollen:
Dass er in seiner Sendung die Petition gegen ihn angesprochen hat, war gut und richtig. Dass er sich darüber lustig gemacht hat, nicht. Denn dadurch hat er seine Kritiker noch mehr verärgert Stattdessen hätte er deeskalieren sollen: Die Kritiker und ihre Vorwürfe ernst nehmen und darauf eingehen; mögliche (kleine) Fehler zugeben und sich entschuldigen. Und dann (wenn also die Luft fast schon wieder rein ist) die Situation und Kritik (am besten mit Gelassenheit und Humor) entschärfen: „Liebe Leute, liebe Kritiker, damit sollte es jetzt aber auch gut sein. Ich habe mit Frau Wagenknecht telefoniert, wir haben uns auf ein Glas Wein verabredet, natürlich Rotwein (Lacher). Und Frau Wagenknecht wird mir danken, für die riesige Medienpräsenz, die sie und ihre Partei in den letzten Tagen genossen haben (Lacher). Lasst uns jetzt also eine tolle Sendung machen und einen spannenden Abend genießen.“ (Entspannung, Applaus)

Was die Kritik-Situation entschärft, reicht aber in der Krise bei weitem nicht (und auf gar keinen Fall rettet es hier der Humor). Wer Vertrauen zerstört hat, muss Verantwortung übernehmen, und das heißt in der Regel: zurücktreten. ADAC Chef Meyer mag keine Schuld an den gefälschten Zahlen haben – aber er ist verantwortlich und muss deswegen Platz machen für einen Neuanfang. Erst dann sind Öffentlichkeit und Mitglieder bereit zur Kommunikation, erst dann treffen Erklärungen und Versprechungen auf offene Ohren. Und erst dann würden aus Pannenhelfern recht schnell wieder Gelbe Engel werden, denen man vertraut.