Vom Umgang mit Interviewpartnern

Vom Umgang mit Interviewpartnern
Eine leicht überspitzte Kategorisierung

Wer vom Fernsehen um einen O-Ton gebeten wird, ist schon ein besonderer Mensch: Er ist Experte, Betroffener oder Prominenter. In jedem Fall verfügt er über exklusives Wissen, über das er sprechen soll. Und in den meisten Fällen ist er Fernseh-Laie. Aufgabe des Journalisten ist es, die Aussagen dieses Interview-Partners so zu formatieren, dass sie der Fernseh-Norm entsprechen und vom Zuschauer aufgenommen, verarbeitet und genutzt werden können. Der Aufwand und der Schwierigkeitsgrad für den Journalisten bei dieser Aufgabe variieren. Gemeinsam ist allen Interview-Partnern, dass sie souverän und kompetent antworten und auftreten möchten. Darüber hinaus allerdings beginnen die individuellen Unterschiede, deren Extreme ich nachstehend skizziere. Die überspitzten Formulierungen seien mir aufgrund der reichlich gemachten Erfahrungen mit allen hier beschriebenen Interview-Partnern verziehen….

Der brave Interview-Partner
hat sich überhaupt keine Gedanken zu Thema und Form gemacht. Nach dem Motto: „Der Journalist wird schon wissen, wie so ein Interview funktioniert“, sitzt er vor der Kamera und wartet ab, was passiert. Seine Antworten sind entweder keine Aussagen, sondern unsortierte Gedanken, die ihm zu den jeweiligen Fragen einfallen; lang und langweilig. Oder: Er ist nicht nur brav, sondern auch faul und antwortet deswegen am liebsten mit „Ja“, „Nein“ oder „Vielleicht“. Aber auch das erst nach einer langen Denkpause.

Der fleißige Interview-Partner
hat sich die ganze Nacht auf seinen Auftritt vorbereitet; zunächst sein gesamtes Fachwissen zusammengetragen, großartig formuliert und dann auswendig gelernt. Er hofft, dass der bevorstehende Fernseh-Auftritt ihn endlich berühmt macht; die Fachwelt wird staunen über das, was er zu sagen hat. Leider ist die erste Frage ein bisschen anders als abgesprochen, so dass die sorgsam formulierte Antwort gar nicht passt und er vor Schreck gar nichts sagt. Nach der 23. Wiederholung der ersten Frage bedankt sich der Journalist – und textet später die angefragten Informationen selber.

Der verständnisvolle Interview-Partner
lässt den Journalisten gar nicht erst lange erklären, worum es in dem Interview gehen soll – er hat doch schon Dutzende von Interviews gegeben, kennt das Geschäft, der Journalist soll ihn nur machen lassen. Seine Antworten beginnen meistens mit den Worten: „Wissen, Sie das ist doch alles ganz einfach, ich/wir machen das immer so und so…“ Nach einer halben Stunde ist er verärgert, weilder Journalist seine genialen Antworten immer unterbricht und alles in drei kurzen Sätzen haben will. ‚Aber da sieht man’s mal wieder: Die haben ja keine Ahnung, diese arroganten, unhöflichen Fernsehtypen…‘

Der freche Interview-Partner
ist in den letzten Jahren selten geworden; dennoch erwischt man hier und da noch einige dieser Artgenossen. Beispiel: Werkstor Chemie-Unternehmen. Der Pressesprecher ist umringt von Kameras, Fotografen, Reportern. Im Hintergrund das Werksgelände, Rauch steigt auf. O-Ton Pressesprecher:  „Ich weiß gar nicht, was Sie meinen. Betriebsunfall? Bei uns?“ Hintergrund: Feuerwehr-Sirenen. „Ach das, na ja, da gibt’s ein kleines Problem. Aber wir haben alles unter Kontrolle….“

Der dumme Interview-Partner
hält sich erstens für ziemlich schlau und zweitens für einen verkappten Werbesprecher. Deswegen guckt er bei seiner ersten Antwort direkt in die Kamera und schießt seine Botschaft ab: „Zunächst einmal muss ich sagen, dass unser Unternehmen auf diesem Gebiet führend ist. Wenn ich vielleicht auf unser neuestes Produkt eingehen darf…“ Das darf er natürlich nicht. Und das, was er darf, kann er leider nicht.

Der ideale InterviewPartner
ist Profi, partnerorientiert und weiß, dass er für den Erfolg seines Interviews selbst verantwortlich ist. Er bespricht vorher mit dem Journalisten das Thema, bereitet sich auf das Interview vor und entwirft Antworten: einfach, strukturiert, interessant, bildhaft. Im Interview ist er so normal wie möglich, macht deutlich, dass er gern dieses Interview gibt. Und kann sich nach seinem ersten Interview vor weiteren Anfragen kaum retten….

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